Blog

Biologinnen und Biologen am Werk

Was passiert in einem urbanen Lebensraum, wenn sich die Menschen daraus zurückziehen? Welche Tiere und Pflanzen können sich etablieren? Gibt es etwas Spannendes zu entdecken?

Diesen Fragen gingen einige Mitglieder der Biologenvereinigung Südtirol nach und untersuchten das Kasernenareal in Schlanders, das seit 1992 sich selbst überlassen war. Damit folgten sie der Einladung der BASIS, dem Zentrum für Innovation und Entwicklung, welches in einem der Gebäude des Areals angesiedelt ist.

 

Das Kasernenareal in Schlanders unter die Lupe genommen

Das Areal erstreckt sich über 4ha und ist von vier großen Gebäudeblöcken charakterisiert, in denen Schlafsäle, Büros, große Küchen oder Aufenthaltsräume untergebracht waren. Diese vier Gebäudeblöcke umrahmen das betonierte Exerzierfeld. Rundherum hat sich die Natur ihren Platz nach und nach zurückerobert. Auf den ersten Blick fallen die Bäume auf, einige davon bereits von den Kasernenerbauern gepflanzt. Dabei handelte es sich vornehmlich um nicht-heimische Arten, wie den Blauglockenbaum, der ursprünglich aus China stammt. Außerdem sind eine schöne und wertvolle Lindenallee, sowie einige Ahornbaumvorkommen zu finden. Wertvoll sind diese Bäume, da großstämmige Laubbäume im Talboden mittlerweile eine Seltenheit darstellen und einen wichtigen Unterschlupf für zahlreiche Tierarten darstellen. Daneben konnten sich bereits zahlreiche Pionierbäume ausbreiten. Pionierpflanzen sind jene, die einen durch Unwetter oder durch menschliche Hand gestörten Lebensraum als erste zurückerobern. Dazu zählen zum Beispiel Birken, von denen sich bereits einige im Kasernenareal angesiedelt haben. Am Ende der Erhebungen besprachen die Biologinnen und Naturinteressierten ihre Ergebnisse. Alle in der Basis Anwesenden waren eingeladen, zuzuhören.

 

Die Ergebnisse

Der Vogelexperte konnte insgesamt 13 Vogelarten im Kasernenareal erheben. Dabei handelte es sich ausschließlich um typische Arten von Siedlungsgebieten, wie Amsel, Buchfink, Elster oder Gartenrotschwanz (im Dialekt „Brantele“ genannt).

Besonders interessant waren die Ergebnisse der Fledermausexpertin. Sie konnte hier acht Fledermausarten erheben. Dabei kamen sowohl Arten vor die typisch für bewaldete Lebensräume sind, wie die Mopsfledermaus, als auch Arten, die typisch für Siedlungsgebiete sind, wie die Rauhaut- bzw. Weißrandfledermaus. Das spiegelt das besondere Gelände des Kasernenareals wider, das nicht nur von alten, verlassenen Gebäuden, sondern auch von großstämmigen Bäumen charakterisiert ist und somit einen einzigartigen Lebensraum bildet. Besonders spannend ist das Vorkommen des Großen Abendseglers, einer Fledermausart, die in Südtirol recht selten vorkommt. Auch diese Art kommt häufig in bewaldeten Landschaften vor. In Siedlungsgebieten hält sie sich bloß auf, wenn viele Bäume vorkommen, wie es im Kasernenareal der Fall ist.

Die Botanikerin und die beiden Botaniker hatten allerlei zu tun. Bei solchen Ausflügen können sie immer die längsten Listen vorweisen, immerhin laufen, fliegen oder krabbeln ihre Erhebungsobjekte nicht davon und müssen nicht erst im Labor genauer bestimmt werden. Das Botanikerteam konnte so innerhalb weniger Stunden ganze 128 Arten erheben. Darunter befanden sich meist Arten, die sich in gestörten Lebensräumen, wie Siedlungsgebieten, ansiedeln. Beispiele hierfür sind die Königskerze, die Brennnessel oder der gewöhnliche Hornklee. Doch bot das Areal dem Botanikerteam sogar eine kleine Überraschung: sie konnten den in Südtirol sehr seltenen und gefährdeten Violetten Blauwürger (Phelipanche purpurea) erheben.

Der Tagfalterexperte konnte fünf Schmetterlingsarten erheben: den Kohlweißling, den Senfweißling, sowie einen Dickkopffalter, sowie zwei Nachtfalterarten. Besonders bei den Weißlingen handelt es sich um Tagfalter, die sehr stresstolerant sind und in allen Lebensräumen, von Dauerkulturen bis hin zu Siedlungsgebieten, vorkommen.

Der Bodenbiologe konnte einige Tausendfüßer-Arten erheben, wie den Sandschnurfüßer (Ommatoiulus sabulosus) sowie einige weitere Krabbeltiere zählen. So konnte er auch die Schnabelfliege (Panorpa sp.) erheben, die ein sehr charakteristisches Erscheinungsbild hat, vielen aber unbekannt ist. Außerdem konnte er an einer morschen Birke die haarige Larve eines Speckkäfers (Dermestidae) finden. Genau bestimmen kann er sie allerdings erst im Labor, unter dem Mikroskop.

Schließlich war der Star des Tages eine Spinnenart, die zu den Größten in Südtirol gehört und die der Spinnenfachmann in einem der Keller der verlassenen Kasernengebäude fand: Die Mauerwinkelspinnen sind Trichternetzspinnen, die gerne in Kolonien leben. Die Zuhörenden waren beeindruckt von der großen und betagten Spinne, deren Alter der Experte aufgrund ihrer Größe auf ca. 3 Jahre schätzen konnte.

 

Fazit der Erhebungen

Im Areal der aufgelassenen Drususkaserne haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Lebewesen angesiedelt und einen neuen Lebensraum geschaffen. Es sind derzeit vor allem Arten, die typisch sind für Siedlungsgebiete, vielfach sind es Pionierarten oder stresstolerante Arten. Daneben konnte hier aber auch die ein oder andere seltenere Art einen Lebensraum finden. Positiv für das Areal, da waren sich die Biologinnen und Biologen einig, war die Vielfalt an Kleinhabitaten: So finden sich hier zum Teil alte, großstämmige Bäume neben zahlreichen Sträuchern, alte Gebäudestrukturen, aber auch ein wiesenartiger Grünstreifen der als Weide genutzt wird. Am alten Tennisplatz wachsen zögerlich die ersten Birken. Ein solcher Ort, in dem die Natur ihren Platz finden kann und sich frei entfalten kann, ist sonst kaum in Siedlungsgebieten zu finden.

 

Julia Strobl

Nachhaltigkeit, Raum & Landschaft
10.09.2021