“App”-solute Kontrolle

Über Sinn und Unsinn des Corona-Trackings per Handy – und die gemeinschaftliche Suche nach Lösungen

Für die einen klingt es nach dystopischem Zukunfts-Polizeistaat, für die anderen ist es eine notwendige Vorsichtsmaßnahme, ganz unrecht haben beide nicht. Die Rede ist von der italienischen Corona-Überwachungs-App Immuni und ihren ähnlichen Verwandten in anderen europäischen Ländern. Technische Umsetzung und Datenschutz bilden einen dichten Dschungel aus Fragezeichen, den zu durchdringen sowohl Regierung(en) als auch Bürgern, zumindest derzeit, oft die nötigen Werkzeuge fehlen.

Das letzte Wort in dieser Causa werden die Europäische Union und die einzelnen Regierungsvertreter haben, doch möchte BASIS Vinschgau Venosta trotzdem über die momentane Sachlage informieren. Abgerundet damit, ob und wie die Digitalisierung, ob mit Corona-Kontext oder ohne, bei der gemeinschaftlichen Lösung von Problemen und Fragen nützlich sein kann, hoffen wir zumindest einige der gröbsten Unklarheiten zu beseitigen:

Eine App, sie zu knechten, sie alle zu finden

Für alle, an denen die Thematik bis jetzt vorübergegangen ist, eine kurze Zusammenfassung: Die Apps kommunizieren über Bluetooth mehr oder weniger anonym (dazu später mehr) mit den Handys anderer Nutzer. Wird ein Nutzer später positiv getestet, schlägt das Handy aller, die mit ihm aufgrund der gespeicherten Daten nachweislich in Kontakt waren, Alarm und ermöglicht entsprechende Maßnahmen zu treffen (z.B. sich selbst testen zu lassen und sich vorsorglich in Quarantäne zu begeben). Auch Deutschland und andere europäische Länder planen ähnliche Lösungen wie die Immuni-App, die optimalerweise auf demselben Grundgerüst aufbauen und somit grenzüberschreitend funktionieren sollen (was für den Wiederaufschwung des Tourismus unerlässlich ist).

Das Prinzip ist schlüssig, doch beinhaltet es auch Kritikpunkte, die man nicht einfach unter den Teppich kehren sollte. Totalüberwachung eines jeden Schritts fürchten die einen, Datenschutzdesaster die anderen. Zwar wurde die Immuni-App auch deshalb gewählt, da sich die Entwickler gegen die Nutzung von GPS ausgesprochen haben (das die Lokalisierung bis auf den Meter genau ermöglicht); doch steht dies im Gegensatz zu den PEPP-PT-Richtlinien der EU, die die geltenden Standards für alle digitalen Lösungen zur Corona-Bekämpfung zusammenfasst. Sollten sich also genug andere Länder dafür entscheiden, eine App mit GPS-Verfolgung zu wählen, die mit der italienischen App nicht kompatibel ist, wird letztere sich wohl oder übel anpassen müssen.

Der Datenschutz ist ein weiteres Manko. Entgegen Empfehlungen von führenden Datenschützern, diversen Vereinen und Organisationen und sogar Apple und Google selbst (die nicht gerade für vorbildlichen Umgang mit sensiblen Daten berühmt sind) wird für die Verarbeitung und Speicherung der Daten ein zentralisiertes System gewählt. Also ein zentraler Server, auf dem alle Informationen zusammenlaufen und nach Bedarf wieder an die verschiedenen Smartphones verteilt werden. Im Gegensatz zu einem dezentralisierten Modell, bei dem sämtliche Daten von den Handys selbst verarbeitet werden und nur die wirklich unbedingt nötigsten Abgleiche über einen oder mehrere Server laufen, wenn überhaupt, bietet die zentrale Speicherung der Daten eine einfache Zielscheibe für jeden, der Unlauteres mit ihnen vorhat. Ja, die Daten werden verschlüsselt und nicht direkt mit der Identität des Handybesitzers verknüpft; doch das Böse schläft nie und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Verschlüsselung nicht mehr ausreicht. Die Daten in diesem Fall hübsch verpackt an einem zentralen Ort zu lagern, macht Angriffe noch einfacher.

Ein letzter Punkt, der weniger mit der Funktion der Apps als mit ihren Voraussetzungen zu tun hat, ist die notwendige Verbreitung. Um an eine effektive Nutzung solcher Apps auch nur zu denken, müssen sie mindestens 60% der Bevölkerung installieren und nutzen. Die App ist nach ihrer voraussichtlichen Einführung Ende Mai freiwillig, doch ist unklar, ob bei Nicht-Nutzern Nachteile entstehen, wie z.B. erschwerter oder verweigerter Zugang zu diversen Strukturen und Orten. Doch sogar, wenn ein gesetzlicher Zwang zur Installation der App bestünde, gibt es immer noch technische Hindernisse. Ein Großteil der älteren Generationen, sowie einkommensschwache Gesellschaftsschichten, besitzen meist keine oder nur stark veraltete Modelle. Auch Bewohner von ruralen Gebieten sind, ohne Klischees bedienen zu wollen, manchmal nicht so technikaffin wie in Ballungsräumen. Die Apps allzu abwärtskompatibel zu machen schränkt ihre Funktion bis zur Nutzlosigkeit ein; jedem Mitbürger ein iPhone der letzten Generation zu schenken gibt das Budget natürlich nicht her. Die Lösung der Verantwortlichen ist (Stand Ende April) betretenes Schweigen und verlegenes Räuspern.

Ganz nutzlos sind Apps gegen Corona trotzdem nicht

Abseits der umstrittenen Apps zur Kontaktprotokollierung gibt es noch einige Entwicklungen, die vielversprechende Hilfe zum einen für Patienten und Besorgte, zum anderen für die Forschung darstellen.

In Frankreich wurde die App Covidom entwickelt, die eine Betreuung von leichten Corona-Fällen zuhause ermöglicht. Verschiedene Daten über die Symptome werden in die App eingegeben und durch eine Farbskala nach Schwere eingeteilt. Der Hausarzt oder andere betreuende Mediziner hat Zugriff darauf und setzt sich mit dem Nutzer in Verbindung, sobald weitere Schritte erforderlich sind. Eine weitere Version gibt es für bereits als geheilt Entlassene als Folgekontrolle, um Rückfälle oder hartnäckige bleibende Schäden einzudämmen oder zu verhindern. So soll der, oft unnötige, Ansturm auf die Hausärzte und Notaufnahmen verhindert und das Gesundheitssystem entlastet werden und trotzdem jeder der Hilfe benötigt, diese schnell und unbürokratisch erhalten. Ein ähnliches System wäre in Südtirol und auch im Vinschgau denkbar, da trotz inzwischen relativ niedriger Infektionszahlen Hausärzte und Notaufnahmen auf Volllast laufen. So könnte Corona-Bezogenes überschaubar gehalten werden, während die Krankenhäuser und Praxen sich verstärkt wieder „normalen“ Patienten widmen können.

Ein anderer Ansatz ist die Bereitstellung der eigenen Geräte für die Forschung. Vodafone und einige weitere Anbieter unterstützen eine Initiative, in der bei Nichtbenutzung des Handys (meist über Nacht) die Leistung der Internetverbindung (anonym und ohne das bezahlte Kontingent des Vertrags zu verbrauchen) für die medizinische Forschung bereitgestellt wird. Ein halbes Gigabyte hier und da macht nicht viel aus, glaubt man, doch wenn genug Nutzer zusammenkommen ergibt das trotzdem einen beachtlichen Mehrwert. Auch geistern momentan Pläne für eine mobile Version des folding@home-Programmes der Stanford University durch das Internet. Dieses nutzt die Rechenleistung von Endbenutzer-PCs, um Berechnungen zur Expression von Proteinen durchzuführen, was auch zur Bekämpfung von Covid eingesetzt wird. Natürlich bietet ein Smartphone nicht dieselbe Rechenleistung wie ein riesiger Server, doch wie bei der Vodafone-Lösung kann die schiere Menge der Nutzer dies eventuelle ausgleichen. Ob diese mobile Version in absehbarer Zeit kommt, ist nicht bestätigt, doch sind beide oben genannten Initiativen eine gute Möglichkeit, standortunabhängig unseren Beitrag zur Corona-Bekämpfung zu leisten. BASIS Vinschgau Venosta freut sich wie immer über Umsetzungsalternativen und Kommentare zu diesem brandaktuellen Thema.